kunibert fritz

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texte von:

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kunibert fritz

kunibert fritz
entwicklung

 

Ausstellungseröffnungen stehe ich zumeist mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber; eindeutig sind diese gegenüber Reden auf Ausstellungseröffnungen. Drum ziehe ich heute Abend das Verfahren des einseitigen Dialogs mit Dir, lieber Kunibert, vor - eine Kommunikationsform, die uns Lehrern ja durchaus vertraut ist - und versuche, Irritationen zu skizzieren, Fragen zu vergegenwärtigen und zu bedenken, die sich aus der Nähe und gleichzeitigen Ferne zu Dir, einem pädagogischen Weggenossen der letzten 18 Jahre, ergeben haben.
Vor kurzem die rote Krawatte zum Beispiel: signalhafte Vertikale vor dem novemberlich mißgestimmten Horizont schulischen Alltags, die Deine Bedächtigkeit ebenso merkwürdig verrückt wie die sanfte Ironie, die immer wieder auf der Waagerechten Deiner Brillengläser balanciert. Oder die Entdeckung, daß Deine geradezu urzeitlich somnambule Aufmerksamkeit sich ähnlich unter dem Schildkrötenpanzer des Rückens hervorwagt, wie Kersting dies bei Caspar David Friedrich - den ich Dir nicht verwandt wähnte - beobachtet hat. Das Bild von 1811 zeigt Friedrich bei der Arbeit in seinem Atelier, dessen quadratstrenge Geometrie Dir nun doch sehr vertraut sein müßte: Mönchsklause und Gefühlslaboratorium einer Kunst, deren erhellende Symmetrien und Konstellationen die mittelalterliche Auffassung spiegeln, daß Maß, Zahl und Gewicht die formbildenden Faktoren des göttlichen Schöpfungswerks sind. " Omnia in mensura et numero et pondere disposuisti ", heißt es in Salomonis Weisheitsbuch 11.12.
Das Bewußtsein der metaphysischen Dignität arithmetisch - geometrisch begründeter Ordnung hat eine reiche Tradition zahlensymbolischer und zahlenmystischer Entwürfe in abendländischer Philosophie, Literatur und Kunst hervorgebracht, an deren sich veränderndem Fortleben Du, Kunibert, - wie ich vermute - mitwirkst.
"In der rein gestaltenden Komposition ist das Unveränderliche (Geistige) ausgedrückt durch das Universalgestaltungsmittel, den absoluten Gegensatz, Horizontale und Vertikale rechtwinklig sich schneidend, und durch die nichtfarbigen Flächen (Schwarz, Weiß, Grau); die neue Gestaltung bedient sich dabei des Veränderlichen (Natürlichen), das sind variable Maßverhältnisse, Rhythmus, das Verhältnis von Farbe zu Nichtfarbe. Darin liegt das Individuelle.
"Weit davon entfernt, die individuelle Natur des Menschen zu ignorieren oder die 'menschliche Note' zu verlieren, ist die rein gestaltende Kunst die Vereinigung des Individuellen mit dem Universellen. Es herrscht äquivalenz der beiden Aspekte des Lebens. " Nicht von Dir - hätte das Zitat von Dir sein können? - von Mondrian stammt diese säkularisierte Abwandlung überlieferter unio mystica.
'Menschliche Note' und 'reingestaltende Kunst': läßt diese von Mondrian verbal beschworene Synthese sich leben? Bezeugen Deine Schüler und Deine Bilder die Verbrüderung von künstlerischem Egoismus und pädagogischem Altruismus zu einer didaktischen Kunst und kreativen Lehre? Bilden Elisabethenschule (Arbeitsstätte Deines - und meines - Lehrerdaseins) und Görbelheimer Mühle (Dein familiäres und künstlerisches Ambiente) tatsächlich keinen Komplementärkontrast?
Die Vorstellung 'Mühle' löst in mir eine Fülle widerspruchsvoller Assoziationen aus, vorgeformt in Metaphern wiederum der Romantik, die diesen Ort etwa als Symbol des hoffnungslosen Umgetriebenwerdens durch eine erbarmungslose Mechanik, aber auch als Sinnbild produktiv bewegten Gleichmaßes deuten.
öffnen solche Anmutungen - wenn man ihr existenzielles Pathos vergißt und der Versuchung widersteht, sie auf Deinen beruflichen Dualismus zu beziehen - den Blick für Mechanik und Atem Deiner Bilder? Ich habe diese Frage vor einem Bild zu beantworten versucht, das ich vor Jahren von Dir erworben habe. Der quadratformatige Siebdruck von 1973 ist reduziert auf - ich verwende Mondrians Formulierung - " die nichtfarbigen Flächen (Schwarz, Weiß, Grau) " und nutzt außerdem den Unterschied glänzender und matter Farboberfläche. Glänzend schwarze Bandstreifen bilden, (wieder Mondrian: ) in " Horizontale und Vertikale rechtwinklig sich schneidend ", ein Quadratgitter vor mattschwarzem Grund, der zwei integrierte Systeme genau kalkulierter Formstufungen von Quadrat zu Bandstreifen in gedämpft wirkendem Mattweiß und silbrig-metallischem Grau trägt. Die formale Logik des Bildes prägt dessen Charakter und Wirkung: orthogonale Strenge und metrische Unwiderlegbarkeit beglaubigen einander. Das ändert sich überraschend in den Maße, in dem das schwarze Streifengitter bei verändertem Betrachterstandpunkt seine optische Wirksamkeit einbüßt und das Weiß dem Grau sich beinahe ununterscheidbar annähert.
Plötzlich teilen sich diagonal schwingende Bewegungen mit, die das gesetzte Regelmaß in einen synkopisch-spielerischen Rhythmus verwandeln. Unversehens entdecke ich in Dir (und in mir) jenen Puppenspieler, über den sich zwei beeindruckte Zuschauer wie folgt unterhalten: " Ich erkundigte mich nach dem Mechanismus dieser Figuren, und wie es möglich wäre, die einzelnen Glieder derselben und ihre Punkte, ohne Myriaden von Fäden an den Fingern zu haben, so zu regieren, als es der Rhythmus der Bewegungen, der Tanz, erfordere? ...
"Jede Bewegung, sagte er, hätte einen Schwerpunkt; es wäre genug, diesen, in dem Inneren der Figur, zu regieren; die Glieder, welche nichts als Pendel wären, folgten, ohne irgendein Zutun, auf eine mechanische Weise von selbst. Er setzte hinzu, daß diese Bewegung sehr einfach wäre; daß jedesmal, wenn der Schwerpunkt in einer geraden Linie bewegt wird, die Glieder schon Kurven beschrieben; und das oft, auf eine bloß zufällige Weise erschüttert, das Ganze schon in eine Art von rhythmischer Bewegung käme, die dem Tanz ähnlich wäre. " Das Gespräch, das ich hier in einem kleinen Ausschnitt wiedergegeben habe, fand im Winter 1801 statt und wurde von einem der beiden Gesprächspartner aufgeschrieben: dem romantischen Dichter Heinrich von Kleist.
Kleist erwähnt beiläufig die eher zufällige Erschütterung, deren es bedarf? - die ausreicht, um Mechanik zu beseelen. Deine so sparsam instrumentierten, angespannt - zerbrechlichen Kunstfiguren, die Du uns heute zeigst, erwarten die vorsichtig - verrückende Bedächtigkeit, die Du ihnen hast zuteil werden lassen. In der Behutsamkeit und der erwirkten Zufälligkeit des Erschütterns ähneln sich Puppenspieler und Erzieher ... ein wenig.

1987
Jürgen Trabant

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