kunibert fritz

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entwicklung

 

Zu den neuen Bildern von Kunibert Fritz

"Kunibert Fritz Bilder zeigen in der Wiederholung das Quadrat als Strukturelement und als geometrische Urform. Sie erstreckt sich besonders auf die farbige Behandlung der Fläche, auf den Ausdruck der inneren und äußeren Form, auf die Progression innerhalb der strukturellen Zusammengehörigkeit ... und auf die glänzende bis matte, transparente bis deckende Oberflächenwirkung und auf das sichtbare bis unsichtbare Vorhandensein dieser Form... "In den großen, farbig schönen Bildern wird das Quadrat als Phänomen des Mittelpunkts angesprochen, als Zentrum bildnerischen Geschehens, als die Begegnung von senkrecht und waagrecht, als Ausdruck höchster Gestaltreinheit und vielleicht auch als Symbol der menschlichen Sehnsucht nach Ausgeglichenheit und Frieden..."
Diese 1974 auf der Eröffnungsrede in Villingen vom Autor geäußerten Überlegungen lassen sich ohne Schwierigkeiten auf die zwischen 1985 und heute entstandenen Bilder von Kunibert Fritz übertragen.
Die Wechselbeziehung zwischen Bildwirklichkeit und Bildwirkung bezieht sich bei Fritz Arbeiten - im Gegensatz zu Albers Quadrat-Huldigungen - in allererster Linie auf die Form. Zwar benutzt Fritz auch Farben - Gelb, Rot, Blau, Weiß und Schwarz - doch die Form, das Quadrat als Phänomen der Täuschung (im Sinne bildnerischer Mitrealität) steht im Mittelpunkt des optischen Geschehens.
Diese Irritationen entstehen dadurch, daß gemalte Flächen innere Bestandteile der nicht geschlossenen Quadratform oder äußere Begrenzungsformen sein können. Außerdem spielt das Verhältnis von Figur und Grund eine wesentliche Rolle.
Zwei Prinzipien ist Kunibert Fritz treu geblieben außer der bereits erwähnten Beziehung zwischen Bildwirklichkeit und -wirkung:
dem jeden Entwurf zugrunde liegenden Raster und der Reihung im Sinne der Addition von Bildprototypen zu neuen Bildtafelkombinationen. Dem Formenprinzip Fritzscher Bildrecherchen entspricht auch die von ihm formulierte Feststellung, daß Farbe nie illustrativ, sondern stets funktional eingesetzt wird. So können zum Beispiel Farbintensität und Farbhelligkeit, aber auch der Farbton strukturell festgelegte Symmetrien aufheben oder stören.
Reihungen repräsentieren Beziehungen, sie sind Anzeichen für Ursache und Wirkung. Fritz sieht in diesem Prinzip Anmutungsqualitäten, indem er sagt:
"Bei der Reihung entsteht Takt, durch das gleichmäßige Wiederholen einer Form oder Farbe. Der möglicherweise unregelmäßige Wechsel der Farben der aneinandergereihten Bildtafeln verursacht Rhythmus und dieser kann zu einem Klang oder auch zu einer Melodie führen ..."
Wenn Bilder als Träger von Zeichen gesehen werden, so haben auch konstruktive Bilder ihre über reine Wiedergabe von Form und Ästhetik hinausgehende Bedeutung. Ihre Aussage ist die geistige Idee des Künstlers, ist die Darstellung von Ordnung durch die Form, durch die Farbe und durch die Zuordnung der (Quasi-) -Quadrate zueinander in dem Sinne, daß das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.
Konstruktive Bilder sind ästhetische Modelle, sind meta-bildliche Aussagen analog zur Natur. Ordnungsprinzipien der Natur werden makroskopisch sichtbar und im Sinne einer intensiveren Veranschaulichung auf das Wesentliche abstrahiert. Das führt weg von der Darstellung des spezifischen und öffnet das Interesse für das Allgemeine, für das Sinnbildliche.
Das Quadrat verdankt seinen Aufbau der Symmetrie, die in höchst mannigfaltigen Varianten den Organismus unserer Welt widerspiegelt. Diese stabilste geometrische Form bildet vier gleiche Seiten und vier gleiche Winkel. Die Zahl vier symbolisiert unser Leben, unsere Zeit, unsere Welt. Vier Wochen umfassen einen Monat, vier Jahreszeitenbeziehen sich auf ein Jahr, wir leben in vier Himmelsrichtungen und vier Winde bestimmen unser Wetter. Unser räumliches Denken bezieht sich auf vier Dimensionen und wir erfassen Bilder unter vier Aspekten:
Komposition, Ästhetik, Inhalt und Technik.
Kunibert Fritz ist dem Quadrat treu geblieben.
Seine Aussage ist immer wieder überraschend und neu.
Das Neue verwirklicht sich im Alten.
Kunst ist Entdeckung.

1991
Klaus Staudt

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